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Schule ist für alle gleich. Oder?

Aktualisiert: 27. Apr.

von Susann Seifert


„Früher hat auch keiner gefragt, ob wir es leichter haben wollen.“„Wer sich anstrengt, schafft das schon.“„Man kann doch nicht alles auf Diskriminierung schieben.“

Solche Sätze hört man oft. Sie kommen selten aus bösem Willen, sondern aus einem Gefühl von Gerechtigkeit: Alle sollen die gleichen Chancen haben. Klingt vernünftig. Ist aber oft nur die halbe Wahrheit.


Genau darum ging es beim Fachtag Schule, organisiert vom Integrationsmanager des Landkreises, Andreas Strahlendorf. Im Mittelpunkt standen die Lebensrealitäten von Sinti und Roma, historische Zusammenhänge und die Frage, warum unser Bildungssystem für manche Kinder deutlich schwerer funktioniert als für andere.


Und die unbequeme Erkenntnis war: Schule ist nicht für alle gleich.


Eine Geschichte, die nicht vorbei ist

Sinti und Roma leben seit Jahrhunderten in Europa, Sinti seit mehr als 600 Jahren auch im deutschsprachigen Raum. Trotzdem werden sie bis heute oft behandelt, als gehörten sie nicht wirklich dazu.


Die Geschichte ihrer Ausgrenzung beginnt nicht erst im Nationalsozialismus, aber dort erreichte sie ihren grausamsten Höhepunkt. Menschen wurden systematisch erfasst, entrechtet, deportiert und ermordet. Grundlage war eine rassistische Ideologie, unterstützt durch sogenannte rassenhygienische Forschung, die Verfolgung wissenschaftlich rechtfertigen sollte.


Hunderttausende Sinti und Roma wurden im Holocaust ermordet.


Wer glaubt, mit 1945 sei das vorbei gewesen, irrt. Viele Täter blieben in Behörden, Akten wurden weitergeführt, Entschädigungen verzögert, Anerkennung verweigert. Für viele Familien setzte sich das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen fort und dieses Misstrauen wirkt bis heute.


Wenn Eltern Abstand zu Schule oder Behörden halten, ist das oft nicht Desinteresse. Es ist Erfahrung.


Gleiche Regeln. Ungleiche Startbedingungen

Unser Schulsystem liebt klare Regeln. Das ist grundsätzlich nicht falsch. Problematisch wird es dann, wenn wir so tun, als würden alle Kinder unter denselben Bedingungen starten.


Einige wachsen mit Sicherheit, Bildungsnähe und Vertrauen in Institutionen auf. Andere mit Ausgrenzung, finanzieller Unsicherheit, schlechten Erfahrungen mit Behörden und einem ständigen Gefühl, sich erst beweisen zu müssen.


Kinder übernehmen früh Rollen, die sie eigentlich nicht tragen sollten: Sie übersetzen bei Arztbesuchen, vermitteln zwischen Familie und Institutionen, erklären Formulare und Erwartungen. Bildung wird dann nicht nur Lernen, sondern Überlebensstrategie.

Wer nur auf Leistung schaut, übersieht oft, was vorher schon getragen werden musste.


Wenn Vorurteile leise arbeiten

Diskriminierung ist selten laut. Oft passiert sie still.


Ein Name. Ein Wohnort. Ein Vorurteil im Kopf. Eine zu schnelle Entscheidung.


Kinder werden vorschnell als „schwierig“ eingeordnet, Leistungen anders bewertet, Förderbedarfe zu früh festgestellt oder Bildungswege begrenzt, bevor sie überhaupt begonnen haben.


Viele Lehrkräfte tun das nicht absichtlich. Aber genau das macht es so gefährlich: Vorurteile wirken oft dort, wo man sie selbst nicht bemerkt.


Auf dem Fachtag wurde deutlich: Das Gehirn liebt Schubladen. Es spart Energie. Aber gesellschaftlich sind diese Schubladen teuer.


Gleichbehandlung ist noch keine Gerechtigkeit

Ein Bild aus der Veranstaltung blieb besonders hängen: Drei Kinder stehen vor einem Zaun und wollen ein Spiel sehen.

Im ersten Bild bekommen alle dieselbe Kiste. Das ist Gleichbehandlung.Der Große sieht trotzdem gut, das mittlere Kind nur halb, das kleinste gar nicht.


Im zweiten Bild werden die Kisten unterschiedlich verteilt. Jede*r bekommt das, was gebraucht wird. Das ist Chancengerechtigkeit.


Im dritten Bild gibt es keinen Zaun mehr. Das ist Gerechtigkeit.

Und genau da liegt das Problem vieler Debatten: Wir reden oft über Kisten. Zu selten über Zäune.


Elternarbeit ist keine Nebensache

Ein weiterer wichtiger Punkt war die Zusammenarbeit mit Eltern.

Zu oft wird Elternarbeit defizitorientiert gedacht: Die Eltern kommen nicht, also fehlt Interesse.


Aber was, wenn Einladungen unverständlich formuliert sind? Wenn Gespräche nur zu Zeiten stattfinden, die nicht machbar sind? Wenn Sprache, Unsicherheit oder frühere Erfahrungen den Zugang erschweren?


Eltern sind Experten für ihre Kinder. Schule funktioniert besser, wenn sie als Partner gesehen werden, nicht als Problem.


Manchmal reicht schon klare Sprache oder ein Gespräch auf Augenhöhe, um Vertrauen aufzubauen.


Das System fragt selten nach sich selbst

Ein Satz blieb besonders hängen:


Viele Mitarbeitende im System arbeiten nur noch als Feuerlöscher.

Sie reagieren, organisieren, kompensieren, aber das eigentliche Problem bleibt.


Denn vielleicht ist nicht nur das einzelne Kind überfordert. Vielleicht ist das System selbst dysfunktional geworden.


Wenn Schule dauerhaft Ungleichheit reproduziert, reicht individuelle Förderung nicht mehr aus. Dann braucht es strukturelle Veränderungen: mehr Sensibilisierung, bessere Übergänge, echte Beteiligung, rassismuskritische Bildung und den Mut, nicht nur Symptome zu behandeln.


Fazit

Die Vorstellung, dass alle die gleichen Chancen haben, ist verständlich. Und sie ist ein wichtiges Ziel. Aber sie stimmt nur, wenn wir bereit sind, genauer hinzuschauen.


Wenn Herkunft, Vorurteile und historische Erfahrungen darüber entscheiden, wie weit jemand kommt, dann ist das kein individuelles Problem. Dann ist es eine gesellschaftliche Aufgabe.

Schule ist nie nur ein Ort für Noten. Sie entscheidet darüber, wer dazugehört.Wer gesehen wird.Und wer überhaupt glauben darf, dass Bildung auch für ihn oder sie gedacht ist.


Vielleicht beginnt Gerechtigkeit genau dort: Nicht beim Verteilen der Kisten, sondern beim Mut, endlich über den Zaun zu sprechen.

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© Susann Seifert, Farbküche / Illustrationen: Maren Amini

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