Der Preis der Sicherheit
- Susann Seifert
- vor 8 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Warum drei Zebrastreifen am Marstall eine viel größere Geschichte erzählen als die über 120.000 Euro
Der Marstall-Kreisverkehr war einmal die Lösung.
Als die Kreuzung im Jahr 2008 für rund 300.000 Euro zum Kreisverkehr umgebaut wurde, war das Ziel eindeutig formuliert: Die Verkehrssicherheit sollte verbessert und der Verkehrsfluss erhöht werden. In der damaligen Beschlussvorlage ist von einer besseren Erreichbarkeit der Marstallstraße und des Parkplatzes die Rede. Mittelinseln sollten Fußgängern das Queren erleichtern, Gehwege wurden erneuert, Leitungen verlegt. Es war eine Investition in die Zukunft und vor allem in mehr Sicherheit.
Knapp zwanzig Jahre später wird an derselben Stelle wieder über Verkehrssicherheit diskutiert.
Diesmal geht es nicht um Autos. Diesmal geht es um Kinder auf ihrem Schulweg.
Und plötzlich steht eine neue Zahl im Raum: 119.540 Euro für drei Fußgängerüberwege.
Eine Zahl, bei der viele erst einmal den Kopf schütteln.
120.000 Euro für drei Zebrastreifen? Ist Deutschland inzwischen wirklich so weit?
Wer sich die Kostenberechnung genauer anschaut, merkt allerdings schnell, dass diese Geschichte nicht von weißen Streifen auf Asphalt handelt. Sie handelt von allem, was
dazugehört.
Die Markierung der Zebrastreifen selbst fällt kaum ins Gewicht. Der größte Kostenblock ist die Beleuchtung. Rund 67.000 Euro entfallen auf neue Lichtmasten, spezielle Leuchten für Fußgängerüberwege, Verkabelung, Fundamente und Installation. Hinzu kommen Tiefbauarbeiten, Beschilderung und weitere bauliche Anpassungen.

Aus drei Zebrastreifen wird plötzlich ein kleines Infrastrukturprojekt.
Man könnte diese Geschichte jetzt mit einem Schulterzucken beenden und sie unter der Überschrift „deutsche Bürokratie“ abheften.
Doch genau dann würde man den spannendsten Teil verpassen.
Denn die zusätzlichen Leuchten stehen dort nicht, weil jemand besonders gern helle Straßenlaternen aufstellt. Sie stehen dort, weil sich unser Verständnis von Verkehrssicherheit verändert hat. Heute reicht es nicht mehr, dass ein Zebrastreifen sichtbar ist. Sichtbar sein muss vor allem der Mensch. Kinder sollen auch bei Dunkelheit früh erkannt werden, ältere Menschen sicher queren und Menschen mit Sehbehinderung sich besser orientieren können. Hinter diesen Anforderungen stehen technische Regelwerke, aber vor allem stehen dahinter Erfahrungen, oft entstanden aus Unfällen, die sich nicht wiederholen sollen.
Jede einzelne dieser Anforderungen ist nachvollziehbar.
Und genau deshalb beginnt hier das eigentliche Dilemma.
Denn die Kommune kann darüber nicht frei entscheiden. Sie kann keine DIN-Norm streichen, keine Beleuchtungsanforderung weglassen und keine technischen Standards nach Kassenlage auslegen. Kommt es später zu einem Unfall, wird nicht gefragt, ob der Haushalt angespannt war. Dann wird gefragt, ob die anerkannten Regeln der Technik eingehalten wurden.
Die Handlungsmöglichkeiten sind deshalb erstaunlich klein.
Die Stadt baut den Überweg nach allen geltenden Standards und trägt die hohen Kosten.
Oder sie verschiebt die Maßnahme, weil das Geld fehlt. Das Sicherheitsproblem bleibt.
Und genau darin liegt das Paradox.
Regeln sollen Gefahren beseitigen. Werden ihre Anforderungen jedoch so aufwendig und teuer, dass notwendige Maßnahmen immer häufiger verschoben werden müssen, bleibt genau die Gefahr bestehen, die eigentlich beseitigt werden sollte.
Nicht weil die Regeln falsch wären. Sondern weil ihre Umsetzung die finanziellen Möglichkeiten vieler Kommunen übersteigt.
Der Marstall-Kreisverkehr erzählt deshalb eine Geschichte, die weit über Altenburg hinausreicht.
Seit Jahren steigen die Anforderungen an öffentliche Infrastruktur. Sie soll sicherer, barrierefrei, nachhaltiger und technisch auf dem neuesten Stand sein. Jede einzelne Forderung ist sinnvoll. In ihrer Summe stellen sie Städte und Gemeinden jedoch vor eine Aufgabe, die sie immer häufiger an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten bringt.
Die Diskussion um die drei Fußgängerüberwege ist deshalb keine Auseinandersetzung zwischen Eltern und Verwaltung. Auch nicht zwischen Politik und Fachplanung.
Alle verfolgen dasselbe Ziel. Einen sicheren Schulweg.
Die eigentliche Frage lautet vielmehr:
Wie schaffen wir es, hohe Sicherheitsstandards so zu finanzieren, dass Kommunen sie auch tatsächlich umsetzen können?
Denn Sicherheit entsteht nicht allein durch gute Vorschriften. Sie entsteht dort, wo Gefahrenstellen entschärft werden.
Der Marstall zeigt, dass wir inzwischen sehr genau wissen, wie ein sicherer Fußgängerüberweg aussehen muss. Die spannendere Frage ist jedoch, ob wir unseren Städten und Gemeinden auch die Möglichkeit geben, dieses Wissen in die Wirklichkeit zu übersetzen.
Denn am Ende hilft die beste Regel wenig, wenn ausgerechnet sie dazu führt, dass eine bekannte Gefahrenstelle noch Jahre bestehen bleibt.



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