Ein Logo ohne erkennbare Identität für eine Stadt voller Geschichte
- Susann Seifert
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Warum das neue Erscheinungsbild von Altenburg korrekt ist, und trotzdem nicht viel erzählt
Altenburg hat ein neues Corporate Design. Es ist reduziert. Aufgeräumt. Reproduzierbar. Verwaltungstauglich. Man kann es ohne Zögern „modern“ nennen.

Und trotzdem liegt ein Satz in der Luft, der sich nicht wegargumentieren lässt:
Das fühlt sich nicht nach uns an.
Nicht, weil es schlecht gemacht wäre. Sondern weil es erstaunlich wenig von dem zeigt, was unsere Stadt im Kern ausmacht. Es wirkt wie ein System. Wie eine Ordnung. Wie eine Lösung für Anwendungen.
Aber nicht wie eine Erzählung. Und genau das ist das Problem. Denn ein Erscheinungsbild ist keine Dekoration. Es ist die visuelle Antwort auf eine einzige, große Frage:
Wer sind wir, wenn wir uns selbst zeigen?
Skat ist hier nicht Deko. Skat ist Haltung.
Skat ist hier kein touristisches Motiv. Keine Folklore. Keine nette Geschichte.
Skat ist hier entstanden. Und mit ihm eine kulturelle Idee, die weit über ein Kartenspiel hinausgeht.
Beim Skat steht der Bube über dem König.
Im 19. Jahrhundert war das kein Zufall. Es war ein Statement. Rang entsteht nicht durch Geburt, sondern durch Beteiligung. Durch Können. Durch Spiel. Skat war Bürgerkultur am Tisch. Gleichheit in Regeln gegossen. Selbstermächtigung im Alltag.
Und Skat war Trost. In Kriegszeiten. In Notzeiten. In Momenten, in denen Menschen zusammensaßen, Karten legten und für ein paar Stunden Sorgen, Angst und Enge vergaßen. Gemeinschaft durch Spiel.
Wenn Altenburg sich „Spielestadt“ nennt, dann ist das nicht verspielt gemeint. Es ist historisch, sozial, demokratisch aufgeladen.
Und genau diese Tiefe fehlt im neuen Erscheinungsbild fast vollständig.
Ein Logo organisiert nicht nur Formulare. Es erzählt Identität.
Natürlich ist es „nur“ das Zeichen der Stadtverwaltung. Für Briefkopf, Website, Beschilderung.
Aber es ist gleichzeitig das sichtbarste Bekenntnis dazu, wie eine Stadt sich selbst versteht.
Wenn ausgerechnet das Symbol verschwindet, unter dem Altenburg bundesweit bekannt ist, dann ist das keine ästhetische Entscheidung. Es ist eine strategische.
Und diese Strategie wirkt im Moment eher wie:
Wir wollen zeitgemäß wirken statt Wir zeigen, wer wir sind.
Modernität ist eine Form. Identität ist ein Inhalt.
Gestaltung beginnt nicht bei der Form, sondern bei der Haltung
Aus gestalterischer Sicht ist das Erscheinungsbild absolut korrekt. Reduziert. Klar. Zeitgemäß. Flexibel einsetzbar.
Aber gute Gestaltung ist mehr als korrekt.
Gute Gestaltung verdichtet Identität. Sie macht sichtbar, was einen Ort unverwechselbar macht. Sie hat Mut zur Eigenart.
Drei Fragen sind im heutigen Kommunikationsdesign zentral:
Was ist die Idee?
Welche Haltung zeigt sich?
Warum kann das nur hier so aussehen?
Auf diese Fragen bleibt das neue Erscheinungsbild erstaunlich leise.
Die eigentliche Leerstelle liegt vor dem Design: im Briefing
Die entscheidende Frage ist nicht: „Gefällt mir das Logo?“Sondern: Was sollte es überhaupt ausdrücken?
Sind wir Skatstadt? Sind wir Spielestadt? Sind wir Residenzstadt? Sind wir Barbarossastadt? …
Oder alles ein bisschen, und am Ende nichts richtig?
Und wer durfte diese Fragen mitdenken?
Beteiligung heißt nicht, dass alle Logos entwerfen. Beteiligung heißt, Menschen in die Frage einzubeziehen: Was macht uns unverwechselbar?
Dort entsteht die „Seele“ eines Designs. Nicht am Ende, sondern am Anfang.
Handwerklich stark. Emotional erstaunlich kühl.
Dieses Erscheinungsbild ist für Anwendungen gebaut. Es funktioniert hervorragend. Aber es berührt kaum.
Die dunkle, zurückhaltende Farbwelt wirkt fast schwer. Dabei dürfte Altenburg eigentlich laut sein. Mutig. Ein bisschen verspielt. Ein bisschen eigen.
Eine Stadt, die sich über Spiel definiert, darf auch visuell Spielfreude zeigen.
Eine Stadt ist mehr als ihre Verwaltung
Ja, es ist das Zeichen der Verwaltung.
Aber eine Stadt sind die Menschen, die hier spielen, arbeiten, streiten, gestalten, gründen, diskutieren. Eine Stadt ist Erinnerung. Haltung. Alltag.
Und vielleicht ist genau das der Kern dieser Debatte: Nicht das Logo selbst. Sondern das Gefühl, dass wir uns darin nicht wiederfinden.
Die gute Nachricht: Das ist kein Schlusspunkt
Ein Corporate Design ist kein Ende. Es ist ein Anfang.
Man kann jetzt transparent machen, welche Gedanken dahinterstanden. Man kann die Identitätsfrage öffentlich führen. Man kann Bildsprache, Kampagnen und Anwendungen mutiger gestalten. Man kann das „Spiel“ wieder sichtbar machen, auch ohne Kartenmotiv.
Denn eines ist sicher:
Altenburg hat eine Seele.
Und vielleicht beginnt genau jetzt die Debatte, wie wir sie endlich wieder zeigen.
PS: Ein Blick nach Speyer:
Speyer zeigt, dass ein Stadtauftritt dann stark wird, wenn er nicht nur Verwaltung denkt, sondern Menschen, Gäste und Identität gleich mit. Dort wurde das Corporate Design nicht als reine Ordnungsaufgabe verstanden, sondern als Einladung: an die Bürgerschaft, sich zu zeigen; an Gäste, sich willkommen zu fühlen; an die Verwaltung, klar und verlässlich aufzutreten.
Das offizielle Logo sorgt für Klarheit. Das Fan-Logo stiftet Zugehörigkeit. Beides wurde zusammengedacht. Nicht als Widerspruch, sondern als Ergänzung.
Vielleicht ist das der eigentliche Mut, den Städte heute brauchen: zu akzeptieren, dass Identität nicht allein im Rathaus entsteht, sondern draußen, auf Fahrrädern, in Schaufenstern, auf Taschen, Aufklebern und Herzen.
Ein gutes Erscheinungsbild organisiert. Ein starkes Erscheinungsbild verbindet.
Und genau das ist es, was man lernen kann: Verwaltung, Bürger und Gäste nicht getrennt zu betrachten, sondern als Teil derselben Erzählung.

































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