Ein Jahr noch vielleicht
- Susann Seifert
- vor 2 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Im Wartezimmer treffe ich Ellen, 84. Sie fährt noch zur Gartenschau, denkt über das Sterben nach und ist sich sicher: Früher war vieles besser.
von Susann Seifert
Im Wartezimmer ist es still. Ich setze mich, eine Kanne Frühblüher in den Händen. Gelb gegen den grauen Nachmittag. Ein Ostergruß für Frau Dr. Pohlink. Zwei Stühle weiter sitzt Ellen, 84 Jahre alt, und betrachtet die Blumen, als würden sie ihr etwas sagen.
„Das sieht hübsch aus“, sagt sie. „Mal was anderes. Man muss sich auch mal selbst was schenken.“ „Ja“, sage ich. „Das ist wichtig.“
Wir kommen ins Gespräch.
Ellen lebt seit 1966 im Altenburger Land. Ihre Kinder wohnen weit weg, in Frankfurt am Main und in Klagenfurt. Zwei Orte, die für sie inzwischen weiter entfernt sind als für mich die halbe Welt. Nicht wegen der Kilometer. Wegen des Umsteigens. „Das schaff ich nicht mehr“, sagt sie. „Mit dem ganzen Hin und Her.“
Sie hat sieben Enkel. Eine ganze Reihe Leben, die irgendwo stattfinden. Nur nicht mehr in ihrer Nähe. Ihr Mann ist gestorben.
Ich frage sie, ob sie hier noch Menschen hat. Freunde. Nachbarn. „Ja“, sagt sie. „Die Christa. Und meine Schwester. Mit denen bin ich noch viel unterwegs.“ Dann fügt sie hinzu, fast ein bisschen stolz: „Ich fahr auch noch Auto.“
Es ist einer dieser Sätze, die mehr sagen als sie aussprechen. Noch selbstständig. Noch beweglich. Noch Teil der Welt.
„Und wir fahren manchmal auch noch weg“, sagt sie. Sie meint Busreisen. Im Juli fahren sie nach Leinefelde-Worbis. Sie, ihre Freundin und ihre Schwester. „Wir besuchen jede Landesgartenschau“, sagt sie. „Und erfreuen uns an den vielen Blumen.“ Die BUGA in Erfurt fand sie besonders schön. Die Blumen, die Wege, die Bänke. Laufen und sitzen. Pausen sind wichtig.
Ellen hat 40 Jahre im Konsum gearbeitet. „Ich wusste über alles Bescheid“, sagt sie und lächelt. Über die Waren. Und über die Leute. Über das ganze Dorf. Damals, sagt sie, kannte jeder jeden. Heute kennt sie vor allem die, die noch da sind. Viele ihrer Freunde und Bekannten sind schon gestorben.
Nach der achten Klasse hat sie eine Ausbildung zur Handelsökonomin gemacht. Drei Jahre.
„Da hat man noch richtig was gelernt. Nicht wie heute.“ Früher, sagt sie, war vieles besser. Der Zusammenhalt. Die Schule. Das Lernen.
„Die Jugend heute ist zu faul“, sagt sie. Dann, fast sofort: „Na ja. Nicht alle.“
Ich erzähle ihr von der geplanten Landesgartenschau 2032 in Altenburg. Ellen winkt ab.
„Das sind noch sieben Jahre. Da will ich nicht mehr leben“, sagt sie. Sie sagt das nicht traurig. Eher wie eine Planung.
„Ein Jahr noch vielleicht. Mehr will ich gar nicht mehr. Was „die da oben“ machen, das will ich nicht mehr so lange ertragen.“
Dann schaut sie kurz zur Seite. „Ich hoffe, es geht schnell. Das Sterben.“ Eine Pause. „Nicht wie bei Hannelore. Die lag noch ewig. Bettlägerig.“ Sie schüttelt leicht den Kopf. „Oder andere aus meinem Freundeskreis.“ Wieder eine Pause, dann fast sachlich: „Ich hab schon alles unterschrieben. Es ist alles geregelt.“
Sie hat dreimal Krebs gehabt. Im Abstand von sechs Jahren. Aber jetzt, sagt sie, ist nichts mehr. Sechs Jahre sind schon lange wieder rum.
Ellen ist gespannt, wie morgen das Wetter wird. Ob es wieder Frost gibt in der Nacht. Wie gestern. Da musste sie morgens die Scheiben freikratzen.
Ihr Name wird aufgerufen.
Sie steht auf. Ich bedanke mich für das Gespräch. Sie wünscht mir alles Gute. Dann verschwindet sie durch die Tür.
Vielleicht sind Wartezimmer so etwas wie kleine Reisebusse. Man sitzt nebeneinander, für einen Moment, fährt durch Geschichten, die nicht die eigenen sind, und steigt wieder aus.
Als ich gehe, bleibt ein Satz hängen:
Man muss sich auch mal selbst was schenken.



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