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Einmischen ist ein Verb

Was 20 Schülerinnen aus dem Altenburger Land zu sagen haben

An einem Vormittag im Altenburger Land sitzen rund 20 Schülerinnen im Kreis und sprechen über Engagement, Fake News, Diskriminierung. Es ist keine Unterrichtsstunde. Es ist eine Konferenz.


Eingeladen hat der Kreisjugendring Altenburger Land e.V. zur Schülerkonferenz „EinmischBar“ im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie Leben!.



Die erste Frage ist einfach: Wo mischst du dich ein?

Die Antworten kommen ohne Zögern. Gegen Mobbing. Gegen rassistische Sprüche. In der Schülervertretung. Im Verein.


Engagement ist vorhanden. Strukturen im Kleinen funktionieren.


Die zweite Frage lautet: Was ist daran anstrengend?

„Nicht gehört werden. Vor allem von Politik.“„Man braucht viel Durchsetzungsvermögen.“„Es geht immer um Geld.“„Rentner entscheiden über unsere Zukunft.“


Die Themenliste liest sich wie eine Bundestagsdebatte

In Workshops zu Fake News, Diskriminierung und Beteiligung, unter anderem in der Farbküche, sammeln die Jugendlichen, was sie beschäftigt:


Wehrpflicht. Rechtsextremismus in Ostdeutschland. Gleichberechtigung. LGBTQ+. Benotungssysteme. Mentale Gesundheit. Alltagsrassismus, auch durch Lehrkräfte. Sexuelle Belästigung. Mobbing. Recht auf Abtreibung. Gewalt an Frauen.


Und immer wieder ein Motiv:

„Man fühlt sich klein.“„Uns wird nichts zugetraut.“„Wir haben keine Stimme.“

Begleitet von Gefühlen wie Wut, Frustration, Ohnmacht, Hilflosigkeit.


Die Frage, die alles dreht

Am Nachmittag mischt auch Altenburgs Oberbürgermeister André Neumann mit. In einem Fishbowl-Format diskutiert er gemeinsam mit den Schülerinnen, Mitarbeiterinnen der Landkreisverwaltung und Kommunalpolitikern.



Die zentrale Frage lautet:

„Was brauchen wir, um uns einmischen zu können?“


Die Antworten sind erstaunlich pragmatisch:

„Wir wissen oft gar nicht, wo wir uns beteiligen können.“„Und wenn wir es wissen, passt das Format nicht zu uns.“„Man müsste es besser erklärt bekommen.“

Das ist keine Fundamentalkritik. Eher eine Beschreibung von Distanz.


Tatsächlich sind die Beteiligungsstrukturen in Altenburg vergleichsweise weit entwickelt: analoge und digitale Sprechstunden beim Oberbürgermeister, ein Beirat für Jugend, Senioren und Familien, eine aktive Social-Media-Präsenz der Stadtspitze, die Möglichkeit, Stadtratssitzungen im Rathaus zu proben.


Die Räume sind da. Jedenfalls in Altenburg. Aber sie müssen auch betreten werden.


Nicht Desinteresse ist das Problem. Sondern Wissen und die Passform politischer Beteiligung.


In Schule, Vereinen und Jugendorganisationen erleben viele der Schülerinnen, dass Mitbestimmung funktioniert: Sie organisieren Projekte, vertreten Klassen, stimmen über Regeln ab. Beteiligung ist dort selbstverständlich.


Ausgerechnet im kommunalpolitischen Raum jedoch wirkt sie oft abstrakt und schwer zugänglich. Dort endet die Selbstverständlichkeit und beginnt Unsicherheit.


Keine großen Forderungen. Sondern umsetzbare Ideen.

Die Jugendlichen wünschen sich zum Beispiel:

  • Eine Jugendsprechstunde beim Bürgermeister

  • „Gespielte“ Stadtratssitzungen

  • Beiräte mit echter Stimme

  • Erklärungen, wie Kommunalpolitik und Beteiligung konkret funktioniert

  • Zugang zu solchen Angeboten auch für kleine Landschulen

  • jugendgerechte Formate


Demokratie ist kein Service. Sondern lebt vom Mitmachen.

Was an diesem Tag deutlich wird: Das Interesse ist da. Die Themen sind präsent. Die Haltung ebenso.


Was vielen fehlt, ist Sicherheit im politischen Handeln.


Sie wissen, was sie bewegt, aber nicht immer, wie Entscheidungen konkret entstehen oder wie man Einfluss nimmt. Im Schulalltag erscheint Demokratie meist als Unterrichtsstoff: Gewaltenteilung. Bundestag. Wahlen.


Selten geht es um die praktische Frage: Wie stelle ich einen Antrag? Wen spreche ich an?Wie entsteht eine Entscheidung in der Gemeinde? Wo kann ich konkret ansetzen?


Beteiligung braucht deshalb mehr als gute Absichten. Sie braucht Wissen, Erfahrung und Räume, in denen man üben und mitmachen kann.


Und in Zeiten von Fake News, digitalem Dauerlärm und rauem Ton in sozialen Medien wird politische Bildung zur Schlüsselkompetenz. Wie bilde ich mir eine fundierte Meinung? Wie erkenne ich Desinformation? Wie argumentiere ich sachlich? Wie halte ich Widerspruch aus?


Nicht Jugendliche müssen demokratischer werden. Demokratie muss erklärbarer und erlebbarer werden.


Eine Grundlage ist gelegt

Die Veranstaltung „EinmischBar“ hat keine Revolution ausgelöst. Aber sie hat etwas Wichtigeres getan: Sie hat einen Raum geöffnet.


Jugendliche haben gesprochen. Politik hat zugehört. Strukturen wurden sichtbar gemacht.Lücken wurden benannt. Aus Worten wurden erste Schritte.


  • Die Farbküche wird ihr Bildungsangebot zu lokalen Beteiligungsmöglichkeiten künftig kostenfrei Schulen zur Verfügung stellen, ausdrücklich auch kleinen Landschulen.

  • Altenburgs Oberbürgermeister André Neumann machte noch vor Ort Nägel mit Köpfen: Mit einigen Jugendlichen vereinbarte er einen Folgetermin, um das Gespräch fortzusetzen.

  • Und auch der Kreisjugendring Altenburger Land e.V. macht deutlich: Wer Anliegen hat, findet hier Unterstützung und sogar auch ein Jugendbudget für Ideen.


Es sind kleine Schritte. Aber sie zeigen: Bewegung ist möglich. Und Demokratie beginnt genau dort, wo Menschen sich begegnen.

 

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© Susann Seifert, Farbküche / Illustrationen: Maren Amini

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